veröffentlicht am 5. November 2018

Noch schnell eine Tasse Kaffee im Bahnhof am frühen Samstagmorgen und dann starteten wir, 7 Ehepaare des „Kollektivs Arbeitende Bevölkerung“ (KAB), guter Dinge Richtung Leipzig, wo wir vom 3.-5. November das gemeinsame Wochenende unseres Familienkreises verbringen wollten. Nach angenehmer Zugfahrt erreichten wir am Mittag unser Hotel, superzentral direkt neben der Nikolaikirche gelegen, wo wir unsere Zimmer bezogen und uns für eine Stadtführung startklar machten. Dann erwartete uns am Alten Rathaus auch schon unsere Gästeführerin, die uns in zwei Stunden zu den Sehenswürdigkeiten und repräsentativen Bauwerken der historischen Altstadt führte: Alte Handelsbörse, Naschmarkt, Mädlerpassage mit Auerbachs Keller, Nikolaikirche, Specks Hof, Café Riquet, Barfußgässchen mit dem altehrwürdigen Kaffeehaus Zum Coffe Baum, Thomaskirche. Wir erfuhren Interessantes zur Geschichte Leipzigs und bekamen manch Anekdote und Hinweise zu gastronomischen Betrieben, schließlich gehört Leipzig zu den Städten mit der höchsten Restaurant- und Kneipendichte Deutschlands. Abends hatten wir dann einen Tisch in der historischen Gosenschenke „Ohne Bedenken“ reserviert; schon Putin war hier zu Gast – kein Wunder bei dem leckeren Essen. Natürlich galt es hier, auch die für Leipzig typische „Edelgose“, das leicht säuerliche obergärige Bier (was den meisten von uns allerdings weniger mundete) und den Kümmelschnaps „Allasch“ zu probieren. Mit einer „Lerche“ und einem Absacker in der „Kümmelapotheke“ klang der Abend anschließend in der Innenstadt aus.

Den nächsten Vormittag konnten wir entspannt und mit einem ausgiebigen Frühstück beginnen, bevor uns unsere Stadtführerin zur „Montagsdemo-Tour“ abholte. Beginnend auf dem Nikolaikirchhof begaben wir uns auf die Spuren der Friedlichen Revolution vom Herbst 1989. Zunächst erhielten wir einen informativen Überblick über die damalige Situation in den frühen 80er Jahren. Herausgefordert nicht nur durch Umweltprobleme, sondern auch durch das Wettrüsten zwischen Warschauer Pakt und NATO kam es zu ersten Friedensgebeten und Diskussionsforen in der Nikolaikirche. Daraus entstanden Andachten, die seit 1982 Montag für Montag stattfanden und Menschen anzogen, die unter den Problemen der DDR-Gesellschaft litten und sich um die Zukunft sorgten. In den Folgejahren – ermutigt auch durch das Auftreten von Michail Gorbatschow mit seiner Politik von Glasnost und Perestroika – trafen sich tausende Christen wie Nichtchristen zu den Gebeten und anschließenden Demonstrationen auf dem Kirchhof bzw. den Innenstadtring. Der entscheidende Tag der Friedlichen Revolution war der 9. Oktober 1989, als 70.000 Demonstranten mit den Rufen „Wir sind das Volk!” und „Keine Gewalt!” das SED-Regime stürzten. Mit ihrem Mut, ihrem festen Willen und dem Verzicht auf Gewalt haben sie Geschichte geschrieben. Es war sehr eindrucksvoll, von unserer Gästeführerin zu hören, wie sie selbst und ihre Familie zwischen Angst vor der SED-Diktatur und dem Eintreten für Bürgerrechte und Veränderungen gerungen haben und dass es keinesfalls einfach war, sich dem Protest anzuschließen. Auch auf dieser Tour besichtigten wir markante Punkte wie die Denkmale an der Nikolaikirche, bemalte Häuserfassaden, die reformierte Kirche, von deren Turm heimlich Filmaufnahmen gemacht worden waren, oder abschließend die „Runde Ecke“, die ehemalige Bezirksverwaltung der Staatssicherheit (heute Stasi-Museum).
Nach einer freien Zeit zur individuellen Gestaltung erwartete uns am Nachmittag Propst Gregor Giele in der vor drei Jahren neu gebauten Propsteikirche St. Trinitatis. Zunächst erläuterte er uns das Konzept der sehr schlicht gehaltenen Kirche (von der Enge in die Weite, vom Dunkel ins Licht). Er beschrieb u.a. die Symbolik der mit Bibeltexten beschriebenen Fensterfronten, ging auf das griechische Kreuz, die Ornamentik im Innenraum („indianische Wandtapete“), den Tabernakelschrank sowie das Ewige Licht ein („50er-Jahre-Lampe aus dem Chinarestaurant“), das nur einen kleinen Fankreis hätte – nämlich ihn. Aber nicht nur Erklärungen zum Kirchenbau selbst interessierten uns und ließen uns den Kirchenraum besser verstehen, neugierig waren wir auch, wie das Gemeindeleben in einer ostdeutschen Großstadt konkret aussieht. Propst Giele berichtete von einer aktiven Pfarrgemeinde, in der jeder seine Ideen verwirklichen dürfe. Er selbst verstehe sich dabei als Diener der Gemeinde und weigere sich, als Hausherr angesprochen zu werden: „In der Kirche ist Gott Hausherr, im Gemeindezentrum (! – nicht Pfarrheim) die Gemeinde.“ Bei der Frage, wie es gelänge, auch junge Menschen anzusprechen, empfahl er, nicht immer nur das Schlechte zu sehen – dies würden andere schon genug tun. Immer nur Negatives zu beklagen sei nicht „sexy“, wir sollten das Positive unterstreichen und dadurch ausstrahlen. Ganz angetan von seinen Ausführungen fragten wir an, ob er nicht auch mal bei uns seine Ansichten von Kirchesein vorstellen könnte, worauf wir umgehend „augenzwinkernd“ zur Antwort bekamen: „Nein. Zu euch komme ich nicht. Es gibt viele Wege zur Heiligkeit, es muss ja nicht gerade das Märtyrertum sein …“.  Mit einem Dank verabschiedeten wir uns von Propst Giele, bevor wir im Anschluss die von Jesuiten gestaltete Abendmesse in der Propsteikirche mitfeierten.
Danach war Abendessen im „Kollektiv“ angesagt, einer Gaststätte im DDR-Stil. Die ausgewählten thüringischen und sächsischen Spezialitäten schmeckten super und bei leckeren Bieren ließen wir es uns im gemütlichen Wohnzimmerambiente gut gehen. Noch ein „Blutgeschwür“ zum Abschluss, dann ging es zu Fuß zum Hotel zurück, wobei ein Passbild im berühmten Photoautomaten auf der „Karli“ nicht fehlen durfte.

Der Montag stand zur freien Verfügung. Es war Zeit, um die Nikolaikirche mit den Informationen zur Friedlichen Revolution oder das Stasimuseum noch einmal in Ruhe zu besichtigen, ein kleines Orgelkonzert in der Thomaskirche zu genießen oder bei einer Shoppingtour ein Schnäppchen zu erstehen. Nach einer abschließenden Stärkung in einem Brauhaus bzw. der kultigen Milchbar Pinguin hieß es am Nachmittag gut gelaunt und voller Eindrücke Abschied nehmen von einer tollen Stadt. Eine gelungene Fahrt unseres Familienkreises ging zu Ende. Nach Hamburg, Köln oder Lübeck war es wie immer eine gute Mischung zwischen Stadtbesichtigung, einem kirchlich-religiösen Aspekt, freier Zeit und geselligem Beisammensein – einfach gut für „Leipzsch und Seele!“.