KAB St. Josef Hollage - Aus dem Glauben für eine gerechte Gesellschaft

Chronik

KAB St. Josef Hollage – ein ausführlicher Rückblick auf die Jahre 1961-2011

von Michael Schwarzwald

Aufstieg durch Bildung oder: Warum gerade 1961
Warum war eigentlich gerade 1961 das Gründungsjahr der Hollager KAB? Was hatte sich gegenüber den Vorjahren verändert, dass jetzt ein Katholischer Arbeiterverein „dran“ war?  Mindestens den Gründungsmitgliedern dürfte die Erinnerung an die Nachkriegsjahre noch recht deutlich vor Augen stehen. Sicherlich war man auch im ländlichen Hollage zunächst nur froh, dass das Leben wieder in geregelte und friedliche Bahnen zurückkehrte. Und auch bei den großen Arbeitgebern in der Stadt dauerte es eine Weile, bis wieder regulär gearbeitet werden konnte. Aber dann ging es stetig bergauf – Arbeit gab es mehr als genug und mit steigenden Einkommen verband sich bald ein wachsender Lebensstandard. Schon bevor 1961 eine Arbeitslosenquote von 0,8 % (!) erreicht wurde, war für diese rasanten Entwicklung selbst im Ausland der Begriff des Wirtschaftswunders in Umlauf.

Verständlich dabei, dass man zunächst dem Aufbau kirchlicher Verbände nicht die oberste Bedeutung einräumte. Auch der – bis heute unaufgeklärte – Mord am einzigen Hauptamtlichen, dem Diözesansekretär Bernhard Schopmeyer, wenige Wochen nach Kriegsende, ließ die Bemühungen um einen Neuanfang ins Stocken geraten. Dennoch gab es bereits in den ersten zehn Nachkriegsjahren fast 4000 Männer im Bistum, die ein neues KAB-Mitgliedsbuch entgegen genommen hatten. Ein weiterer großer Schritt stand jedoch noch bevor: Zwischen 1957 und 1960 waren im Diözesanverband weitere 23 Vereine mit über 1.000 Mitgliedern hinzugekommen. Im ganzen Bistum gab es auf dem Hintergrund gesicherter wirtschaftlicher Verhältnisse eine Aufbruchstimmung im Hinblick auf die kirchliche Vereinsarbeit. Dazu kam, dass seit 1955/56 neben dem Diözesansekretär nun noch zwei Bezirkssekretäre in den KAB-Bezirken Emsland und Osnabrücker Land die Arbeit aufgenommen hatten, deren Aufgabe in diesen Jahren darin bestand, die Aufbauarbeit voranzutreiben.

Und wie sah es zu dieser Zeit in Hollage aus?
Aus dem ehemaligen Bauerndörfchen mit etwa 1500 Einwohnern vor dem Krieg war ein Arbeiterwohnort vor den Toren Osnabrücks geworden. Noch gab es die Idylle mit Bauer Wulftange gegenüber der Kirche, dem nebenliegenden Brandteich und einer basaltgepflasterten Durchgangsstraße, die noch wenig von passierenden Autos benutzt wurde. Aber schon hatte der Zuzug von Menschen begonnen, die hier eine Arbeitsstelle in einem der großen Industriewerke der Stadt mit einer immer noch ländlichen Wohnlage verbinden konnten. Zum einen waren dies Zuzügler aus den nördlich anschließenden Gemeinden, zum anderen kamen sie aber auch von weiter her. Für die Flüchtlinge der ehemaligen Ostgebiete entstand unter Pfarrer Lichtenbäumer die Josefssiedlung an der Neulandstraße. 1961 war die Einwohnerzahl auf über 4000 angewachsen.

In diesen Jahren regte sich nun auch in Hollage die Initiative zur Gründung eines Arbeitervereins, zumal Kolping zur damaligen Zeit keine Arbeiter in seine Reihen aufnahm. Treibende Kraft beim Aufbau war wie auch andernorts der Gemeindepfarrer, bei uns damals Pfarrer Hermann Lögers. Wie seinerzeit üblich, war zunächst im kleinen Kreis mit KAB-Sekretär Wilhelm Prohl die Vorgehensweise besprochen worden. Danach sollte es erst einmal einige vorbereitende und informierende Versammlungen für gezielt einzuladende Männer geben. Diese sollten dann bald in die Gründungsversammlung einmünden. Tatsächlich folgten der persönlichen Einladung des Pastors jeweils 40 bis 50 Hollager. In diesem Kreis wurde der 7. Januar als offizieller Starttermin für den neuen Verein bestimmt. Diesmal  waren weniger erschienen, von denen dann 18 Männer ihren Beitritt erklärten. Zum Vorsitzenden wurde Konrad Hartmann gewählt, dem in einem kleinen Vorstand Heinrich Riehemann (2. Vorsitzender), Reinhold Müller (Schriftführer) und Heinrich Hawighorst (Beisitzer) zur Seite standen.

Der Mitgliedsbeitrag betrug im Gründungsjahr 1,50 DM. Beschlossen wurde umgehend die Durchführung je einer Monatsversammlung, Versammlungstag war der Samstag. Schon im ersten Jahr lag der Schwerpunkt der Vortrags- und Diskussionsabende auf sozialpolitischen Themen. So sprach man u.a. über die Sozialversicherungen, aktuelle Rentenfragen, aber auch über die Sozialrundschreiben der Päpste. Bemerkenswert erscheint, dass ein Abend darauf verwendet wurde, ein Hörspiel zum Thema „Jagd nach dem Sonntag“ zu hören – ein Thema, das die KAB bis heute beschäftigt.

Aber auch der gesellige Aspekt wurde im neuen Verein nicht vernachlässigt. So gab es im Sommer eine Fahrt zum Passionsspiel ins holländische Herfme oder einen Sonntagsspaziergang für die ganze Familie über den Hollager Berg.

Als besonderer Höhepunkt erwies sich im Dezember die Weihe des handgefertigten Banners. 20 Abordnungen anderer Vereine waren zum feierlichen Festgottesdienst erschienen, der von Diözesanpräses Dalsing zelebriert wurde. Während der Kaffeetafel am Nachmittag konnten vier Männer in den Verein aufgenommen werden, sodass der Jahresbericht nun von 27 Mitgliedern berichtet. Diese Zahl blieb auch in den nächsten Jahren konstant.

Als Spiegelbild gesellschaftlicher Fragen zeigten sich in den Folgejahren Veranstaltungsthemen wie „Kann der Kommunismus einen neuen Menschen hervorbringen? (zur Zeit des Kalten Krieges) oder „Investivlohn“ (nach einem KAB-Modell zur Unternehmensbeteiligung bei wachsenden Gewinnen). Dass die KAB häufig ganz nah am Puls der Zeit war und ist, zeigt auch der Themenabend aus 1963 mit dem unscheinbaren Titel „Die Familie in unserer Gesellschaft“. Inhaltlich ging es dabei um das Kindergeld, das 1961 gerade auch für das zweite Kind eingeführt worden war. Im Prinzip folgte man in der Politik noch der Meinung Adenauers „Kinder haben die Leute sowieso“, aber der Schriftführer der Hollager KAB stellt bereits fest: „Die kinderreichen Familien sind wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig, sie werden oft von anderen Familien, die besser gestellt sind, bemitleidet. Kosten für ein Kind 80 – 90 DM monatlich. Der Staat muss hier für einen wirtschaftlich Ausgleich sorgen, damit die Bevölkerungszahl nicht rückläufig ist.“  Obwohl die sog. geburtenstarken Jahrgänge erst noch bevorstanden, eine wirkliche vorausschauende Sicht der Lage, die sich heute bewahrheitet.

Wie die familiäre Situation der noch jungen Hollager KAB 1963 aussah, belegt folgende Zahl: Bei der Weihnachtsfeier  im Saal Strößner erhielten bei 26 Mitgliedern (gezählt wurde nur die Männer) 49 Kinder „eine kleine Bescherung“ – eine junge KAB!

Im Jahr 1967 wurde bei der Jahreshauptversammlung ein neuer Vorsitzender gewählt: Heinrich Hawighorst folgte Heinrich Meyer und lenkte nun für lange Jahre die Geschicke der KAB-Gruppe. Auch dank seiner Tatkraft gab es bereits im nächsten Jahr eine Werbeaktion, mit der die Mitgliederzahl auf 38 anstieg.

In den sechziger Jahren gab es in Hollage mehrere Abende mit prominenten Gästen, so etwa mit Heinz Franke MdB, der von 1963 bis 1970 Diözesanvorsitzender war.

Verschiedene Veranstaltungen, die bis heute das Vereinsleben begleiten, wurden bereits in den ersten Jahren des Bestehens durchgeführt. Seit fast fünfzig Jahren wird heute z.B. ein Fronleichnamsaltar gestaltet oder zum Kreuztragen nach Lage/Rieste eingeladen.

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Zwischen Tradition und Aufbruch – Die 70er Jahre
Auch in den siebziger Jahren blieb die KAB ihrem Profil treu: Gesellschaftspolitische Fragestellungen standen weiter im Mittelpunkt der Vereinstätigkeit. Inzwischen waren auch Frauen stärker in die Vereinsarbeit eingestiegen und vielleicht war auch dies der Grund für einen weiteren inhaltlichen Schwerpunkt. Themen wie „Soziale Sicherung der Frau“, „Mitarbeit der Frau“ oder „Rente für Mütter“  zeigen, dass im Verständnis des Verhältnisses von Mann und Frau einiges im Umbruch begriffen war. Zwar ging man immer noch davon aus, dass die Frau höchstens „mitarbeitet“ – während Hausarbeit als Arbeit noch nicht wahrgenommen wird –, doch wächst die Überzeugung, dass es für die Frau eine eigene soziale Absicherung geben muss. Die Frau soll nicht länger Anhängsel des Mannes sein! Im Arbeitnehmer-Verband schlug sich das nieder in der groß angelegten Kampagne „Rente für Mütter“, mit der die Anerkennung von Erziehungszeiten im Rentenrecht gefordert wurde. Neben verschiedenen Vortrags- und Informationsabenden organisierte die KAB im Herbst 1979 zwei Unterschriftensammlungen, bei der sich immerhin 1200 Hollager (bei über 1 Mio. Unterschriften bundesweit) den Forderungen anschlossen. Heute gehört es zum Insiderwissen, dass die KAB diesen Teil des Rentenrechts formuliert und in die Köpfe der Politiker getragen hat. Geschehen ist dies vor allem durch viele Veranstaltungen in vielen KAB-Gruppen in ganz Deutschland – die eigentliche Stärke eines Verbandes im sog. vorparlamentarischen Raum.